Der hartnäckige Mythos vom dominanten Hund

Mythos Angst bei Hunden

Dieser Artikel wurde im Buch: Die große Welt der Tierheilkunde (ISBN 978-3-86858-790-6) veröffentlicht.

Wann immer Hunde unerwünschtes Verhalten zeigen und sich die besorgten Hundebesitzer Hilfe von Hundeexperten erhoffen, fallen leider in einigen Hundeschulen immer noch Wörter der „alten Garde“ wie Unterordnung, Dominanz, Alphatier oder schlimmer: „Sie haben Ihren Hund nicht im Griff, Sie müssen ihm zeigen, wer der Herr ist, Sie machen alles verkehrt!“ usw.

Die, dadurch völlig verunsicherten „Herrchen“ und „Frauchen“ begeben sich nach solchen Ansagen „unterwürfig“ in die Hände der selbstsicher auftretenden Autoritäten, wenn auch häufig mit einem mulmigen Gefühl und sind fortan eifrig bemüht um den „Alpha-Status“.
Ihre Hunde dürfen künftig beispielsweise nicht mehr auf die Couch, nicht mehr vor ihnen durch die Tür, nur noch nach ihnen fressen und auf keinen Fall ins Bett!

Die alten, vielfach widerlegten, Mythen müssen wieder als allein selig machende Lösung herhalten.

Es ist eben relativ einfach, vorhandene Probleme überwiegend auf die Rangordnung zu schieben und damit den Hund auf sein Bestreben nach dem Chefsessel zu reduzieren.

Aber: Nicht jeder Hund, der mal im Weg liegt oder seinen Knochen nicht hergeben will, strebt gleich nach Höherem.

Ein Hund nimmt eben was er kriegen kann an Ressourcen, wie Futter, Liegeplatz oder Zuwendung. Außerdem kann man Hunden sehr wohl zutrauen, den Unterschied zwischen Mensch und Hund zu kennen. Sie lernen durch Beobachtung unser Verhalten zu interpretieren, erkennen schnell, wer das Sagen hat und manchmal gibt es da eben, auf beiden Seiten, auch Missverständnisse in der Kommunikation. Eine Umarmung ist für einen Hund beispielsweise sehr unnatürlich, er lernt aber mit der Zeit, dass es positiv gemeint ist. Das gleiche gilt für das obligatorische „Kopf-tätscheln“: eine grobe Unhöflichkeit in der Welt des Hundes. Reagiert ein Hund daraufhin mit Knurren, hat er weder eine Verhaltensstörung, noch ist er dominant, er zeigt ganz simple eine natürliche Reaktion auf dieses, aus seiner Sicht, unhöfliche Verhalten.

Bei Hundebegegnungen erfolgt, trotz aller Menschenbezogenheit, dann doch das reine „hundenatürliche“ Verhalten mit all seiner Körpersprache, Signalen und manchmal auch mit Aggression. Ob „Fiffi“ oder Riese, das spielt bei Hunden eine sekundäre Rolle. 
Es gibt kaum Hunde, die den sogenannten „Alphastatus“ anstreben,  das wäre ihnen auch zu anstrengend. Hunde gehen da den bequemeren Weg und bequemer lebt es sich zweifellos als Mitglied in einem Familienverbund.

Wie kam es überhaupt zur Dominanz-Theorie?

Die früheren Wolfsforscher beobachteten Wölfe, oft auch noch zusammen gewürfelt, in Gefangenschaft, hier liegt vielleicht die Ursache des Übels oder des Irrtums. Neue Verhaltensforschungen ergaben da ganz andere Ergebnisse: Frei lebende Wölfe sind weit weniger aggressiv weil es sich bei dem Rudel meistens ganz einfach um eine Familie handelt und die Eltern gehen sehr souverän und  geduldig mit ihren Jungen um. Die ständige Behauptung der Chefposition ist dort überhaupt nicht das Thema, es ist hingegen eine friedliche, entspannte Co-Existenz mit genügend Freiraum. Zudem lässt sich, aus heutiger Sicht, das Wolfsverhalten nicht mehr eins zu eins auf unsere Hunde übertragen. Diese haben sich über die Jahre, durch das Zusammenleben mit uns Menschen, anders weiter entwickelt. Manche von ihnen haben sich sogar das menschliche Lächeln angeeignet. Auch unter Streunerhunden sind Anzeichen von Aggression oder Hierarchie-Streitigkeiten eher selten, wie ich bei einem Griechenland Aufenthalt beobachten konnte. Dies war keine natürliche Familie aber sie trafen sich täglich und kümmerten sich abwechselnd um die Jungtiere. Jeder, auch ein älterer Rüde, hatte seinen selbstverständlichen Platz und ging auch mal eigene Wege. Es war eine friedliche Zweckgemeinschaft.

Wie irritierend und einschüchternd müssen also, aus Hundesicht,  unsere übertriebenen Reaktionen bzgl. Rangordnung sein, wenn wir bei jeder Kleinigkeit unseren Status untermauern wollen und unverzüglich Unterordnung fordern? Oder gar den sogenannten Alpha-Wurf anwenden? Sind wir dann souverän, stark und vertrauenswürdig oder wirken wir nicht eher unberechenbar, aggressiv und unsicher?

Hier kann dann wirklich ein fataler Kreislauf beginnen, an dessen Ende, häufig genug, ein Hundebiss und eine Trennung stehen. Ganz tragisch wird es bei traumatisierten und vormals misshandelten Hunden, die allgemein länger brauchen ein gewisses Maß an Sicherheit und Vertrauen aufzubauen. Sie brauchen einen festen Halt, eine einschätzbare Bezugsperson mit der nötigen Geduld und einen geregelten Tagesablauf. Durch zu viel Strenge und andauernde Zurechtweisung werden diese Tiere nur noch mehr verunsichert.

Die Zauberworte sind also, auch bei selbstbewussten Hunden, Ruhe, Konsequenz, Gelassenheit und positive Bestärkung.

Zum Wohle des Hundes und zum Wohle einer vertrauensvollen Bindung sollte man also schnell Kehrtmachen, wenn die überstrapazierten, völlig überholten Begriffe wie Dominanz, Unterordnung oder gar Unterwerfung beim Hundetraining öfter auftauchen.  

Erfreulicherweise gibt es inzwischen eine neue Generation an Hundetrainern, die sich den neuen Erkenntnissen nicht verschließt, die engagiert, respektvoll, und, vor allen Dingen individuell mit Mensch und Hund arbeitet. Denn Hunde, und auch ihre Menschen,  haben lange genug unter dem veralteten Erziehungsdogma leiden müssen, bei dem total übersehen wurde, dass jeder Hund auch seine eigene Persönlichkeit hat und jede Mensch-Hund-Beziehung ihre ganz eigene Energie.

Es mag vielleicht anstrengender sein, sich mit dem Kommunikations- und Lernverhalten seines Hundes zu beschäftigen und langsam „seine Welt“ zu begreifen, es erwachsen daraus aber unglaublich schöne „Aha-Momente“ und vor allen Dingen wächst das gegenseitige Vertrauen, die Basis für ein faires Zusammenleben. Und ist das nicht mehr wert als ständiger, unbedingter Gehorsam um jeden Preis?

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